Zu viel Jod kann den Frauen die Gesundheit versalzen


Relativ viele Frauen haben Probleme mit der Schilddrüse. War es früher der Kropf als Jodmangel-Erkrankung, der den Steirern zugesetzt hat, so ist es jetzt die chronische Entzündung der Schilddrüse. Diese kann dann zu einer Über- oder Unterfunktion mit einer ganzen Reihe von Folgeerkankungen bis hin zur Unfruchtbarkeit führen. Wolfgang Buchinger, der Leiter der Schilddrüsenambulanz im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Graz, hat die Entwicklung in den letzten Jahren genau beobachtet und dabei herausgefunden, dass "die Entzündungen sicher zugenommen haben". Der klinische Beweis dafür: 1987 musste Buchinger bei etwa einem Prozent seiner Patienten (hauptsächlich sind Frauen betroffen) eine "manifeste Unterfunktion der Schilddrüse" diagnostizieren. 1995 waren es schon drei Prozent.

Schuld an dieser Entwicklung dürfte laut Buchinger die Anhebung der Jodkonzentration im Speisesalz sein, die im Jahr 1990 erfolgt ist. "Aber die Vorteile dieser gesetzlich verordneten Speisesalz-Jodierung überwiegen die negativen Effekte bei weitem", betont Buchinger sofort. Die sprichwörtlichen steirischen Kröpfe seien dadurch fast vollständig verschwunden und auch beim Schilddrüsenkrebs sei eine positive Entwicklung zu bemerken.

Märchen. Eine häufig propagierte Ursache für die Zunahme von Schilddrüsenproblemen verweist der Wissenschaftler ins Reich der Fabel: "Die vermehrt auftretenden Entzündungen haben mit der Atomkatastrophe von Tschernobyl nichts zu tun!" Die Begründung: Am gefährlichsten ist radioaktiver "Fallout" für die Schilddrüse von Kleinkindern. Wären diese damals geschädigt worden, müssten jetzt bei uns auch mehr 14- bis 17-Jährige ein Schilddrüsenkarzinom haben. "Dafür gibt es keine Hinweise", so Buchinger.

Auf ein anderes interessantes Phänomen weist der Leiter der Abteilung für Endokrinologie und Nuklearmedizin an der Uniklinik am LKH Graz hin. Georg Leb hat eine Zunahme von Schilddrüsenerkrankungen im Frühjahr festgestellt. Als Grund dafür nennt er "den vermehrten Genuss von importiertem jodhaltigem Gemüse". Zusammen mit dem jodierten Speisesalz könnte das für manche zu viel des Guten sein.

Dabei wird auch verständlich, warum es bei uns überhaupt zu Jodmangel-Erkrankungen kommt. In der Eiszeit wurde von den Gletschern das Jod aus den Böden "ausgeschwemmt". Und das fehlt uns jetzt. In den ehemals nicht vergletscherten Gebieten Europas ist genügend Jod im Boden und auch in den Nahrungsmitteln.\n

Peter Filzwieser